Gießen: Martina Lennartz sieht Eritrea vom Westen unfair behandelt

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Gießen: Martina Lennartz sieht Eritrea vom Westen unfair behandelt

Von Harun Atmaca

GIESSEN – Im März 2017 wurde in Frankfurt die deutsch-eritreische Gesellschaft gegründet. Martina Lennartz, Fraktionsmitglied der Gießener Linken, ist Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der Gesellschaft. Im Anzeiger-Interview spricht sie von einer “Diffamierungskampagne” des Westens gegen Eritrea und von den Herausforderungen, mit denen das Land zu kämpfen hat. Sie betont, dass das Interview ihre persönlichen Ansichten, nicht die des gesamten Vorstandes der Gesellschaft wiedergibt, auch wenn manche mit ihr übereinstimmen.

Welche Idee und Absichten stehen hinter der Gründung der deutsch-eritreischen Gesellschaft?

 

Es geht uns darum, Eritrea in seiner Entwicklung zu unterstützen. Wir wollen uns dazu vernetzen mit allen anderen Institutionen und Organisationen, die Aufklärungsarbeit leisten. Denn viele westliche Medien hetzen gegen dieses Land, ohne selbst je dort gewesen zu sein. Alle Mitglieder des Vereins waren in Eritrea – viele fahren regelmäßig hin – und haben anderes erlebt.

Sie waren 2014 selbst für zehn Tage in Eritrea. Konnten Sie sich dort frei bewegen und mit Menschen reden?

Ich durfte mich frei bewegen. Die Menschen in Eritrea sind sehr offen und hilfsbereit. Ich bin abends durch die Straßen und den Markt gelaufen, war in verschiedenen Ortschaften. Ich wurde nirgendwo belästigt, habe nirgendwo Polizei oder Militär gesehen. Ich durfte überall fotografieren und habe mir auch Kliniken angeschaut. Ich konnte mit Ärzten sprechen, mit Schülern und Kindern. Aber ich hatte auch Kritikpunkte.

Als da wären?

Es gibt nun mal die Einheitspartei. Auf der anderen Seite ist das oberste Ziel der Regierung, Krieg und Hunger zu verhindern. Die Regierung hat ein großes Interesse an der Meinung der Bevölkerung, aber zum jetzigen Zeitpunkt eine Opposition zu gestatten, würde wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg führen. Es gibt einfach zu viele verschiedene religiöse Gruppen, die ihre Interessen durchsetzen möchten. Schauen Sie auf die Al-Shabaab-Miliz in Somalia. Zwischen 800 000 und einer Million Somalier sind als Flüchtlinge in Kenia. Es gibt aber auch christliche Extremisten.

Wie schätzen Sie das gesellschaftliche Klima und die Menschenrechtssituation in Eritrea ein?

Die eritreische Regierung setzt das ganze Geld, das sie hat, für nachhaltige Projekte und für die Bildung der Kinder ein. Jede Familie, die es braucht, kriegt Moskitonetze geschenkt, damit sich die Kinder nicht mit Malaria infizieren. Die Genitalverstümmelungen an Frauen sind verboten und werden geahndet. Man hat ein großes Interesse daran, dass die Jungen dort bleiben, um das Land wieder aufzubauen. Junge Menschen können umsonst studieren, müssen nicht mal Geld zahlen für ihre Unterkunft und Verpflegung.

Welches Interesse sollte der Westen denn haben, Eritrea in ein schlechtes Licht zu rücken?

Die Medien unterstützen die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Regierungen und der Großkonzerne. Eritrea hat einfach kein Interesse an Entwicklungshilfe, da diese meistens nur zu weiterer Abhängigkeit führt.

Es sind aber nicht nur einzelne Regierungen, die Kritik am eritreischen Regime üben. Im UN-Menschenrechtsbericht ist die Rede von systematischen Menschenrechtsverletzungen und vom grundsätzlich repressiven Charakter des Regimes. Auf dem Pressefreiheitsindex von “Reporter ohne Grenzen” belegt Eritrea vor Nordkorea den vorletzten Platz.

Wie es um die Pressefreiheit steht, darüber weiß ich zu wenig, deshalb möchte ich mich nicht dazu äußern. Aber zur UN: Die UN hat genau wie Äthiopien kein Interesse daran, die Grenzen anzuerkennen. Äthiopien betrachtet Eritrea noch immer als abtrünnige Region, die es wieder einzufangen gilt. Die Menschen in Eritrea haben deshalb Angst vor ausländischen Einflüssen. Eritrea hat viele Rohstoffe und einen Meerzugang, aber alle wollen nur ihre wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Das Rote Meer ist schließlich eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.

Wie erklären Sie sich, dass jeden Monat zwischen 3000 und 5000 Menschen aus Eritrea fliehen? Laut der UN-Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR gab es Ende 2015 weltweit über 470000 eritreische Flüchtlinge, das entspricht rund 12 Prozent der Gesamtbevölkerung von 3,6 Millionen.

Viele junge Leute haben in Eritrea keine ausreichende Perspektive. Das Land steckt nach wie vor in einer schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage – irgendwo zwischen Krieg und Frieden. Das ist ein komplexes Thema und schwer in wenige Worte zu fassen. Der letzte Krieg mit Äthiopien ist zwar im Jahr 2000 beendet worden und 2002 legte das internationale Schiedsgericht in Den Haag eine Grenzziehung zwischen den Ländern fest. Doch 2003 lehnte Äthiopien diesen Schiedsspruch ab und hält bis heute eritreisches Territorium besetzt. Das ist wider internationales Recht, wird aber von der US-Administration gedeckt. Deshalb sieht sich Eritrea dazu gezwungen, eine Armee vorzuhalten. Die jungen Männer und Frauen müssen nach dem Militärdienst noch für wenig Geld für den Nationaldienst arbeiten. Das Geld reicht nicht, um eine Familie zu gründen. Auch diese Menschen haben Träume und wollen ein schönes Leben. Sie verstehen zum Teil auch nicht, dass das Land von genau ihnen aufgebaut werden muss.

Also sind das Ihrer Meinung nach Wirtschaftsflüchtlinge?

Auch, ja. Aber viele Menschen, die aus Äthiopien kommen, erzählen auch, sie seien aus Eritrea, um höhere Chancen auf Anerkennung zu haben. Ich würde niemals die Hand dafür ins Feuer legen, dass wirklich alle Menschen, die behaupten, aus Eritrea zu kommen, tatsächlich auch von dort kommen.

Ist dieser Pflichtdienst, den alle Menschen in Eritrea leisten müssen, nicht einer der maßgeblichen Fluchtgründe?

Der Dienst dauert vier Jahre, soll aber kürzer werden. Viele junge Menschen haben natürlich keine Lust, vier Jahre dem Staat zu dienen.

Offiziell dauert der Nationaldienst nur 18 Monate. Viele geflüchtete Eritreer berichten aber, dass sie weit über zehn Jahre gedient haben, für einen sehr bescheidenen Sold. Wie kommen Sie auf vier Jahre?

Ich habe 2014 den Präsidentenberater persönlich kennengelernt. Bei dem Gespräch, wo auch viele andere anwesend waren, ging es um die vier Jahre. Im Rahmen dieses Dienstes müssen die jungen Menschen eine militärische Ausbildung absolvieren, aktiven Dienst leisten und an Staudämmen mitarbeiten oder Bäume pflanzen.

Manchen sprechen von Zwangsarbeit, etwa in Minen für kanadische Firmen.

Da empfehle ich ernsthaft die Lektüre der Artikel von Martin Zimmermann. Er war mehrere Male in der Bisha-Mine und schreibt, dass die UN-Menschenrechtskommission nicht mit der betroffenen Firma gesprochen hat, und dass eine unabhängige Kommission aus international anerkannten Menschenrechtsexperten zu dem Schluss gekommen ist, dass dort keine Sklaven arbeiten, sondern Menschen, die ihren Nationaldienst schon abgeleistet haben.

Wie will die deutsch-eritreische Gesellschaft diesen – in Ihren Worten – “Diffamierungen” begegnen?

Wir heißen alle herzlich willkommen zum Eritrea-Festival, um sich persönlich ein Bild zu machen, um ins Gespräch zu kommen. Man kann Vorurteile gegen ein Land nur abbauen, wenn man etwas selbst erlebt. Und dazu laden wir alle ein.